Freitag, 6. September 2019 - 10:18

Visionen für Thüringens Radverkehr der Zukunft

Wie bekommt man das nach dem Saarland radfahrfaulste Bundesland auf den Sattel? Oder wie kann man den Radverkehr, beispielsweise die Schulwege für Kinder, sicherer machen?

Um diese Fragen ging es bei einer Podiumsdiskussion, zu der der ADFC Thüringen im Rahmen seiner jährlichen Landesversammlung in Jena geladen hatte und an der Landtagskandidaten aller im Parlament bereits vertretenen Parteien teilnahmen. Im Fokus der vom stellvertretenden ADFC-Landesvorsitzenden Friedrich Franke moderierten Diskussion standen die verkehrspolitischen Pläne der Parteien sowie Visionen eines fahrradfreundlicheren Thüringens. Da der Anteil des Radverkehrs in Thüringen bisher mit rund sieben Prozent (letzte Erhebung 2017) deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von elf Prozent liegt, drängte sich die Frage auf, wie man ihn erhöhen könnte.

Die Vertreter der Parteien hatten dabei durchaus verschiedene Ansätze zu bieten. Der CDU-Vertreter Guntram Wothly und Denny Jankowski (AfD) verwiesen für den Radverkehr im Alltag auf die Zuständigkeit der Kommunen, die sie finanziell besser ausstatten wollen. Als Landesaufgabe sahen sie eher den touristischen Radverkehr, während die Vertreter der anderen drei Parteien auch den Alltagsradverkehr vom Landesseite mit gezielten Fördermitteln in den Fokus nehmen wollen.

Landtagsmitglied Roberto Kobelt von Bündnis 90/Die Grünen merkte an, dass die rot-rot-grüne Regierung immerhin den Radverkehrsanteil am Verkehrsbudget von 3-4 Prozent auf 10 Prozent gesteigert hat. Der durchaus als Rad-Enthusiast zu bezeichnende Kobelt erntete den größten Applaus, als er forderte, dass man „nicht irgendeine Restfläche“, sondern „mindestens die Hälfte der Verkehrsflächen den Radfahrern zukommen lassen“ müsse und weiter feststellte, dass eine Gleichberechtigung von Verkehrsteilnehmern zwar toll klinge, dies „aber in den letzten 25 Jahren nicht passiert“ sei. Die Die Vertreterin der Linken, Lena Saniye Güngör, forderte gar, sich im Bahnfernverkehr für eine Umverteilung der Räumlichkeiten im Zug pro Fahrradmitnahme und zulasten der ihrer Meinung nach zu viel Platz einnehmenden 1. Klasse einzusetzen. Auch Lutz Liebscher, SPD, meinte, dass eine verbesserte Fahrradmitnahme in Zügen automatisch zu einem Rückgang des individuellen PKW-Verkehr führe, die Straßen somit sicherer und die Anteile der Verkehrsteilnehmer ausgeglichener würden.

Beim Thema ÖPNV gab es dann auch den größten Konsens zwischen allen Partei-Vertretern: Die Fahrradmitnahme- und Abstell-Möglichkeiten vor Ort am Bahnhof müssten flächendeckend verbessert werden. Fördermittel sind generell auch genügend vorhanden. Bei den touristischen wie auch städtischen Fahrradverkehrsprojekten hatten die Kommunen und Straßenbauämter bisher oft zu wenig Planungsvorlauf und wahrscheinlich aus diesem Grund in der vergangenen Legislaturperiode nicht alle Mittel ausgeschöpft. Auch hier waren sich alle Teilnehmer einig, dass der Verwaltungsaufwand auf der einen Seite verringert und andererseits die Transparenz bei verkehrspolitischen Entscheidungen vergrößert werden müsse.

Aber bleibt überhaupt noch Zeit für langatmige politische Analysen? Eine Stimme aus dem Publikum resümierte: „Die Welt ist schon viel weiter, 2030 wird es Ihr Auto von heute nicht mehr geben.“ Die Veränderungen im Verkehr sind im vollen Gange. Nun ist es an der Politik, das kostengünstigste, gesündeste und klimafreundlichste Verkehrsmittel - das Fahrrad - dabei mehr in den Vordergrund zu stellen.

Foto zur Pressemitteilung (im Anhang):
ADFC_Podiumsdiskussion1.jpg
Bildunterschrift: Denny Jankowski (AfD), Roberto Kobelt (B 90/Die Grünen), Lena Saniye Güngör (DIE LINKE), Guntram Wothly (CDU), Lutz Liebscher (SPD) und Moderator Friedrich Franke (ADFC) [von links]

Denny Jankowski (AfD), Roberto Kobelt (B 90/Die Grünen), Lena Saniye Güngör (DIE LINKE), Guntram Wothly (CDU), Lutz Liebscher (SPD) und Moderator Friedrich Franke (ADFC) [von links]

Anhang

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